nach dem 2. Weltkrieg

Die Wasserwacht nach dem 2. Weltkrieg
1945 - Die Stunde Null
Während der Diktatur der Nationalsozialisten wurde der Wasserrettungsdienst des Bayerischen Roten Kreuzes auf Befehl der zuständigen Reichsbehörde dem Landesverband Bayern der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG)zugeordnet. Die DLRG selbst war bereits im September 1933 der Zuständigkeit des Reichssportführers zugeteilt worden.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde sie, wie alle damaligen Verbände, durch ein Kontrollratgesetz der Militärverwaltung verboten. Mit ihrem Verbot endete auch die Tätigkeit der letzten, im Dritten Reich noch zugelassenen Wasserrettungsorganisation. Der organisierte Wasserrettungsdienst in Deutschland hatte aufgehört zu existieren, sein Wiederaufbau stand buchstäblich vor der Stunde Null.
Dies geschah in einer Zeit, als unser Land aufgrund der Folgen des 2. Weltkrieges unter unvorstellbarer Not und großem Elend zu leiden hatte. Weite Gebiete waren verwüstet, Ausgebombte und Flüchtlinge mußten in Lagern und Kasernen hausen. Die Verkehrsverbindungen waren zusammengebrochen, die Versorgungslage war katastrophal, die öffentlichen Verwaltungen lagen darnieder und hunderttausende von Kriegsgefangenen waren noch in Lagern eingesperrt.
Trotzdem sammelten sich die Frauen und Männer, die schon früher im Wasserrettungsdienst des BRK, im Wasserrettungsdienst der Arbeitersportbewegung bzw. in der DLRG tätig waren, in der Wasserwacht des BRK, organisierten sich und nahmen in einigen Bereichen bereits 1945 den Wachdienst wieder auf.
Diese Frauen und Männer, die selbst Not und Elend zu ertragen hatten, wollten nicht abseits stehen, sondern mithelfen, den Wasserrettungsdienst wieder aufzubauen. Aus bescheidenen Anfängen entwickelten sich daraus schnell leistungsfähige und mitgliederstarke Ortsgruppen und Abteilungen. Ihre Ausrüstung war meist "organisiert", stammte aus Rotkreuz- und Wehrmachtsbeständen oder aus Spenden der Bevölkerung. Die Wieder- und Weiterverwertung alter, aber für den Wasserrettungsdienst noch brauchbarer Gegenstände hatte Konjunktur. Organisationsgeschick und Erfindungsgeist waren gefragt. Anfangs stellten oft sportgestählte Muskeln und kräftige Lungen das einzige Rüstzeug für den Einsatz im Wasserrettungsdienst dar. Jammern und Klagen war trotzdem verpöhnt; es ging aufwärts.
Die Ausbildung konzentrierte sich zunächst auf die Heranbildung geeigneter Ausbilder und Führungskräfte sowie einer genügend großen Zahl von Rettungsschwimmern. Dies war gar nicht so einfach. Eine Untersuchung, die 1947 an Volksschulen, höhere Lehranstalten und an die Universitäten gerichtet war, zeigte auf, daß

80-95 % aller Volksschüler

45-62 % aller Schüler höherer Lehranstalten und

51 % aller Studenten


Vielen Menschen mußte man deshalb erst das Schwimmen lehren, bevor man an ihre Weiterbildung zu Rettungsschwimmern denken konnte. Unverhältnismäßig hoch waren in dieser Zeit auch die Zahlen der tödlichen Ertrinkungsfälle. 
In einigen Bundesländern lag die Zahl der Ertrinkungsfälle im Vergleich zu den Gesamtunfalltoten ( einschließlich der Verkehrsunfälle ) bei 30 %; in Bayern knapp über 10 %.
Aber auch diese Zahlen waren erschreckend hoch. Es ertranken in Bayern:

1946

1947

1948

1949

1950

582

564

437

444

408

Personen.
Die Wasserwacht hat deshalb in diesen Jahren nichts unversucht gelassen, diese schreckliche Bilanz zu verbessern.
In Zusammenarbeit mit Sportverbänden, Schulen, Berufsgenossenschaften und den Oberbürgermeistern startete sie vielfältige Aktionen, um den Menschen das Schwimmen und Rettungsschwimmen beizubringen. Mit Erfolg. Parallel zur Abnahme der Ertrinkungsfälle stieg die Zahl der durchgeführten Lebensrettungen ständig an. So wurden

1946

1947

1948

35

469

720

Personen gerettet
Zahlen, die auch die Zunahme der Leistungsfähigkeit der Wasserwacht in diesen Jahren unterstreichen.
1947 wurde in Oberbayern bereits die 100. Ortsgruppe in Tengling in Dienst gestellt. Parallel dazu entstand ein weitverzweigtes Netz von Stützpunkten und Wachstationen. Meist waren es einfache Holzbauten oder einfach Zelte. Ihre Ausstattung war zunächst sehr dürftig und unzureichend. Trotzdem trugen diese Rettungsstationen entscheidend zur Verbesserung der Bedingungen für den Wasserrettungsdienst bei.
In den Jahren von 1945 - 1994 leistete allein die Wasserwacht Bayern:
601.493 Ausbildungen "Anfänger-Schwimmunterricht"
410.532 Ausbildung "Frühschwimmer"
2.851.200 Abnahmen "Jugendschwimmabzeichen"
770.600 Abnahmen "Rettungsschwimmabzeichen"
1.560.669 Erste-Hilfe-Leistungen an Land
14.813 Rettungen vom Tode durch Ertrinken
1.347 Eisrettungen
3.775 Wiederbelebungen, davon
2.739 mit Erfolg
3.774 Totenbergungen
25.919.693 Wachstunden und
1.382.671 Streifenstunden für den Naturschutz
11.519 Wassergewöhnung "Eltern und Kind" (seit 1989)

Wassersport wird heute und in Zukunft nicht mehr ausschließlich am Wochenende oder im Urlaub, sondern praktisch ganzjährig betrieben. Schwimmer, Segler, Surfer, Kanuten und Taucher benutzen unsere Gewässer im zunehmenden Maße und fast zu allen Jahreszeiten. Selbst im Winter sind sie für Schlittschuhläufer, Eissportschützen, Eissegler oder auch nur Wanderer beliebte Freizeitareale.
Durch den Bau von großen Freizeiteinrichtungen fördern die Gemeinden die "Lust am Bade". Die potentiellen Gefährdungen nehmen naturgemäß dazu zu; die Anforderungen an die Wasserwacht steigen entsprechend. Diese Entwicklung geht einher mit der proportionalen Abnahme der für den aktiven Einsatz zur Verfügung stehenden jungen Menschen. Die Zahl der Menschen, die bereit sind, einen großen Teil ihrer Freizeit in den Dienst des Nächsten zu stellen, sich einer langwierigen und häufig auch anstrengenden Ausbildung zu unterziehen, ist in einer auf Selbstverwirklichung und selbstbezogener Freiheit ausgerichteten Gesellschaft, eher sinkend.
Die Wasserwacht wird sich deshalb in Zukunft noch verstärkt technischen Hilfsmittel bedienen müssen. Der Aufwand an Booten, Fahrzeugen, Funk- und Tauchgeräten wird beträchtlich steigen; auch um mit der sportlichen Ausrüstung der Freizeitsportler Schritt halten zu können.
Schärfere gesetzliche Bestimmungen, z.B. für den Umweltschutz, die Ausstattung der Boote, Kfz etc., werden die Handhabung dieser Geräte komplizieren und höhere Kosten verursachen usw. Die Bewältigung der aufgezeigten Aufgaben wird die Wasserwacht vor große Probleme stellen. Sie zu lösen ist Aufgabe der jetzt agierenden Führungskräfte, aber auch der nachfolgenden Generation. 
Die Wasserwachtler arbeiten ehrenamtlich, freiwillig und unentgeltlich. Sie tun dies in einer Gemeinschaft, in der Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche sinnvolle und befriedigende Aufgaben wahrnehmen können, sei es imWasserrettungsdienst, im Naturschutz, der Ausbildung, in der Organisation oder auf anderen Gebieten. Jeder Gutwillige und Leistungswillige hat in ihr Platz.
Die herrschende Kameradschaft, die sportlichen und technischen Anforderungen sowie die sozialen Aufgaben verbinden die Wasserwachtler und begründen letztlich ihre Leistungsfähigkeit und ihre Leistungsbereitschaft.
Seit 50 Jahren haben sie bewiesen, daß sie in der Lage und Willens sind, ihre Aufgaben zu erfüllen. Sie werden dies sicher auch in der Zukunft gemäß dem Motto "Aus Spaß am Sport und aus Freude am Helfen !" tun.
Der Wiederaufbau beginnt
Bereits zwei Monate nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches erteilte die damals in Bayern amtierende Militärverwaltung dem Bayerischen Roten Kreuz als den Auftrag, seine Arbeit wieder aufzunehmen und Unfallrettungsdienste, u.a. am Wasser, wieder aufzunehmen. Diese Weisung setzte der damals regierende Bayerische Ministerpräsident Schäffer umgehend in die Tat um, verlieh dem Bayerischen Roten Kreuz am 27.5.1945 die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts und beauftragte den geschäftsführenden Präsidenten des BRK, Dr. Stürmann, mit der Umsetzung der Weisungen der amerikanischen Militärverwaltung. Dies geschah umgehend.
Wasserwacht - eigene Rotkreuz-Gemeinschaft
Der Rotkreuz-Wasserrettungsdienst wurde neu etabliert, erhielt den Namen "WASSERWACHT des BRK" und wurde als eigenständige Rotkreuz-Gemeinschaft in das Bayerische Rote Kreuz eingegliedert. 
schwimmunkundig waren.


Wasserwacht heute
Die Wasserwacht ist heute mit über 100.000 Mitgliedern die mitgliederstärkste Gemeinschaft in Bayern. Sie ist flächendeckend organisiert und eine anerkannte, unentbehrliche Organisation. Die Wasserwacht ist modern und zweckmäßig ausgerüstet und in der Lage, ihr vielfältiges Aufgabengebiet auch wahrzunehmen. Sie ist in der Bevölkerung anerkannt und wird, nicht zuletzt wegen ihrer erwiesenen Leistungen, respektiert.
Wie geht es weiter?
Die Wasserwacht wird auch in Zukunft nicht arbeitslos werden - im Gegenteil. Unsere Gesellschaft befindet sich seit Jahren in einem tiefgreifenden Wandel. Sie ist auf dem Wege von einer Arbeits- in eine Freizeitgesellschaft. Ein Großteil der Arbeitnehmer arbeitet heute nur noch an 200 - 220 Tagen. Die tägliche Arbeitszeit selbst verringert sich kontinuierlich. Jeder zweite Arbeitnehmer scheidet bereits vor dem Erreichen des gesetzlichen Rentenalters aus dem Erwerbsleben aus und gleichzeitig verschiebt sich der Altersaufbau unserer Bevölkerung immer mehr hin zur älteren Bevölkerungsschicht. Das Mehr an Freizeit hat naturgemäß auch Auswirkungen auf das Freizeitverhalten und vor allem auf den Wassersport in all seinen Facetten.

Ausschnitt aus der Jubiläumsbroschüre "50 Jahre Wasserwacht" von 1995